Bericht zum Fachgespräch „Wer passt sich an wen an? – Neurodivergente Kinder und Jugendliche in der Schule“

Am 13. März 2026 lud ich zu einem Fachgespräch in Berlin ein, das sich mit einer zentralen Frage moderner Bildungspolitik beschäftigte: Wie kann Schule so gestaltet werden, dass sie neurodivergenten Kindern und Jugendlichen gerecht wird – und wer muss sich eigentlich an wen anpassen?

Rund 30 Teilnehmende aus Schule, Medizin, Justiz, Verwaltung, Elternschaft und Zivilgesellschaft kamen zusammen, um Erfahrungen auszutauschen, Herausforderungen zu benennen und konkrete Lösungsansätze zu entwickeln, damit Schule sich an die Vielfalt ihrer Schüler*innen anpasst – und nicht umgekehrt. Das Format kombinierte Impulse, Gruppenarbeit und eine digitale Befragung, um unterschiedliche Perspektiven sichtbar zu machen.

Austausch auf hohem fachlichen Niveau

In drei Arbeitsgruppen konnten wir mit den Teilnehmenden über zentrale Themen sprechen: Wie kann die Zusammenarbeit zwischen Schule, Fachdiensten und Familien besser gelingen? Welche Daten und Strukturen braucht Berlin, um das Thema langfristig zu steuern? Und was muss sich in der Schulkultur selbst verändern?

Die Ergebnisse waren eindeutig: Ressourcen dürfen nicht weiter an Diagnosen hängen, Eltern brauchen echte Unterstützung statt Abratung von inklusiver Beschulung, und Lehrkräfte müssen strukturell besser vorbereitet werden. Besonders deutlich wurde auch, dass Berlin bislang nicht einmal verlässliche Daten darüber erhebt, wie viele Kinder vom Schulsystem gar nicht erst erreicht werden.

Zentrale Herausforderungen im Schulsystem

Die Energie im Raum und der Wille zur Veränderung waren spürbar – ebenso die Ungeduld vieler Beteiligter, endlich von der Analyse in die Umsetzung zu kommen.

In der Gruppenarbeit wurde deutlich, dass die bestehenden Strukturen viele Kinder nicht ausreichend berücksichtigen. Besonders herausgestellt wurden folgende Problemfelder benannt:

  • Lehrkräfte fühlen sich häufig nicht ausreichend vorbereitet
  • Eltern wird teils von inklusiver Beschulung abgeraten
  • Ressourcen sind oft an Diagnosen gebunden
  • Bürokratische Verfahren erschweren Unterstützung
  • Die Zusammenarbeit zwischen Schule, Fachstellen und Familien ist oft unzureichend abgestimmt
  • Ein wichtiger gemeinsamer Nenner: Neurodivergenz betrifft keine homogene Gruppe – es geht darum, Schule grundsätzlich für alle Kinder besser zu gestalten.

Konkrete Lösungsansätze

Neben der Problemanalyse haben wir zahlreiche Ideen entwickelt, wie sich die Situation verbessern lässt:

  • Aufbau einer Taskforce für Berlin, um Maßnahmen zu bündeln
  • Stärkere Verankerung sonderpädagogischer Kompetenzen in Ausbildung und Praxis
  • Entwicklung einer kooperativen „Verantwortungsgemeinschaft“ aller beteiligten Systeme
  • Einführung von Teilhabekonferenzen, bei denen alle Beteiligten gemeinsam Lösungen erarbeiten
  • Mehr Fortbildungsangebote und bessere Rahmenbedingungen für Lehrkräfte
  • Systematische Einbeziehung der Perspektiven von Kindern und Jugendlichen
  • Auch die Bedeutung von Daten, Forschung und Monitoring wurde hervorgehoben: Um wirksame Maßnahmen zu entwickeln, braucht es belastbare Informationen über Bedarfe, Barrieren und erfolgreiche Praxisbeispiele.

Nächste Schritte: Vom Austausch zur Umsetzung

Das Fachgespräch war als ein erster Auftakt angelegt – nun geht es darum, die entstandene Dynamik zu nutzen.  Konkrete weitere Schritte könnten sein:

  • Der Aufbau eines berlinweiten Netzwerks der beteiligten Akteur*innen
  • Die Weiterentwicklung eines Taskforce-Konzepts für Berlin
  • Eine Schriftliche Parlamentarische Anfrage zur Datenlage bei nicht-beschulten Kindern
  • Weitere Fachgespräche, insbesondere zur Durchsetzung von Rechtsansprüchen und inklusiver Bildung
  • Kritische Perspektiven mitdenken
  • Neben den inhaltlichen Ergebnissen wurde auch selbstkritisch reflektiert: Die Perspektiven von betroffenen Kindern und Jugendlichen selbst waren bislang zu wenig vertreten. Für zukünftige Formate soll ihre Beteiligung daher gezielt gesucht werden.

Für die weitere Arbeit braucht es künftig noch also noch konkretere Formate, die stärker auf die Umsetzung und politische Handlungsschritte ausgerichtet sind. Dabei bleibt die Ressourcenfrage zentral: Viele der entwickelten Vorschläge erfordern politische Priorisierung und finanzielle Absicherung.

Fazit

Das Fachgespräch hat deutlich gemacht: Es gibt großes Engagement und viele gute Ideen – doch entscheidend ist, wie daraus konkrete Veränderungen entstehen. Die Frage „Wer passt sich an wen an?“ bleibt dabei richtungsweisend: Ziel ist ein Schulsystem, das sich an die Vielfalt der Kinder anpasst – nicht umgekehrt.

Ich danke allen Teilnehmenden für den offenen und engagierten Austausch!